Autonomie und Zugehörigkeit
Shownotes
Übernommener Glaube? Fehlanzeige! ist ein Podcast über junge Menschen, Religion und die Suche nach Sinn.
Die Dozentin der Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Ludwig-Maximilians-Universität Martina Rainer spricht mit Jugendlichen über ihre Erfahrungen mit Glaube, Kirche und Spiritualität und erforscht, wie religiöse Aneignung heute geschieht. Der Podcast verbindet qualitative Forschung mit wissenschaftlicher Einordnung und richtet sich an Lehrkräfte, Studierende, kirchliche Praktiker:innen und alle, die sich für religiöse Bildung in pluralen Gesellschaften interessieren.
O-Töne: O-Töne von Jugendlichen sind mit Stimmen von ElevenLabs gesprochen.
Musik: Election Time, Funky Brass Instrumentals for Podcasts and Quiz Games by kjartan_abel -- https://freesound.org/s/542939/ -- License: Attribution 4.0 Stagepop by kjartan_abel -- https://freesound.org/s/610677/ -- License: Attribution 4.0
Schnitt: Nils Kugler; Dr. Martina Reiner
gesponsert von: Katholisch-Theologische Fakultät LMU
👉 Mehr Infos, Materialien und Quellen findest du auf: religion-bildet.de
Bis bald – und bleib suchend.
Transkript anzeigen
00:00:00: Hallo, ich bin Dr.
00:00:02: Martina Reiner.
00:00:04: im Herzen bin ich Lehrerin auf dem Papier Religionswissenschaftlerin und in der Praxis Dozenten für Religionspädagogik an der LMU München.
00:00:14: In diesem Podcast stelle ich mein Forschungsprojekt vor religiöse Aneignung bei Jugendlichen ein Blick auf junge Menschen ihre Erfahrungen ihre Fragen und ihren Umgang mit Religion.
00:00:28: Was passiert, wenn Glaube kein Erbe ist sondern eine Entdeckung?
00:00:32: Darum geht es hier.
00:00:34: Hörend, forschend, suchend!
00:00:59: Willkommen zu Folge.
00:01:01: sechs von Übernommner Glaube Fehlanzeige.
00:01:04: Schön dass ihr wieder dabei seid.
00:01:06: In den letzten Folgen habe ich immer wieder von Jugendlichen erzählt die sich aktiv mit Religion, Glaube und Kirche auseinandersetzen.
00:01:15: Heute möchte ich den Blick noch einmal bündeln und eine zentrale Spannung in den Mittelpunkt stellen, die sich durch nahezu alle Interviews zieht.
00:01:24: Und zwar die Spannungen zwischen Autonomie- und Zugehörigkeit.
00:01:28: Jugendliche wachsen heute in einer Gesellschaft auf, in der Religion keine Selbstverständlichkeit mehr ist – sie ist eine Option unter vielen!
00:01:38: Und dennoch bleibt sie für manche ein wichtiger Deutungsraum.
00:01:43: In dieser Folge geht es darum, wie Jugendliche ihre religiöse Identität zwischen institutionellen Erwartungen gesellschaftlicher Pluralität und dem Anspruch auf Authentizität verhandeln.
00:01:58: Es geht um Individualisierung, Pluralisierung und um die Frage was es heute bedeutet seinen eigenen religiösen Weg zu gehen.
00:02:32: Meine Studie setzt bewusst auf der Mikroebene an.
00:02:35: Mich interessiert Religiosität nicht als statistische Größe, nicht als Durchschnitt oder Trend sondern als individueller Prozess.
00:02:46: Im Zentrum stehen Aneignungsbiographien also die Frage wie eignen sich Jugendliche Religion an?
00:02:54: Was passiert konkret wenn sie mit religiösen Inhalten Praktiken und institutionellen Erwartungen konfrontiert werden?
00:03:03: Aneignung verstehe ich dabei nicht als bloßes Übernehmen, sondern als ein wechselseitiges Geschehen zwischen Jugendlichen als Subjekten den religiösen Gehalten die ihnen begegnen und den Menschen die Religion vermitteln.
00:03:20: Jugendliche sind in diesem Prozess nicht passiv.
00:03:23: sie hören nicht einfach zu Sie werden nicht einfach religiös gemacht.
00:03:29: Sie deuten, sie prüfen, sie verwerfen und sie verändern.
00:03:34: Religiöse Entwicklung ist in diesem Verständnis kein linearer Sozialisationsprozess sondern ein aktives Sichverhalten zu dem was ihnen begegnet.
00:03:58: Beginnen wir mit der ersten großen Frage Welche Bedeutung haben institutionelle Räume für religiöse Aneignungen?
00:04:07: In den Interviews geraten vor allem vier Räume in dem Blick.
00:04:10: Die Familie, die Schule, die Kirchengemeinde und die Kirche in ihrer weltkirchlichen Verfasstheit.
00:04:19: Diese Räime sind nicht einfach Kulisse – sie strukturieren soziale Beziehungen Sie ordnen Rollen Sie setzen Erwartungen Und sie transportieren bestimmte Sinnangebote.
00:04:33: Die Familie ist dann ein Ort religiöser Prägung wenn Religion tatsächlich gelebt wird.
00:04:40: Durch Gebete, Rituale, Gespräche durch den Umgang mit Tod, Krankheit oder Krisen.
00:04:47: Hier lernen Kinder oft früh was Glaube bedeuten kann nicht unbedingt durch Erklärungen sondern durch gelebte Praxis.
00:04:58: Die Kirchengemeinde wird besonders dort bedeutsam wo sie Verbindungsmöglichkeiten eröffnet.
00:05:06: Sakramente wie Erstkommunion oder Firmung werden als besondere Momente erlebt.
00:05:13: Nicht selten berichten Jugendliche, dass sie hier zum ersten Mal bewusst eine religiöse Erfahrung wahrnehmen – auch Ästhetik spielt eine Rolle.
00:05:22: Kirchenräume, Musik, Rituale, Symbole heben sich vom Alltag ab und werden genau dadurch anschlussfähig.
00:05:41: Schule- und Weltkirche wirken häufig anders.
00:05:45: Sie treten oft als kontrastierende Räume auf.
00:05:49: Hier wird kirchliche Religiosität nicht selten in Frage gestellt undliche erleben, dass ihre Kirchenzugehörigkeit erklärungs- oder rechtfertigungsbedürftig wird.
00:05:59: Institutionelle Räime wirken also ambivalent – sie haben möglichen religiöse Aneignungen und provozieren zugleich Diskrepanzerfahrungen.
00:06:08: Ein zentrales Ergebnis meiner Studie ist, religiöser Entwicklung geschieht nicht trotz sondern durch Diskrepanzen.
00:06:17: Jugendliche erleben widersprüchliche Erwartungen, gesellschaftliche Kritik an Kirche, innerkirchliche Normen, eigene Erfahrungen und eigene Werte.
00:06:27: Diese Spannungen führen nicht automatisch zur Abkehr – sie führen zunächst zur Auseinandersetzung!
00:06:33: Jugendliche sind gezwungen Position zu
00:06:36: beziehen.".
00:06:37: Im Faktorenmodell religiöser Aneignung werden diese Prozesse sichtbar in den Parametern der Unterscheidung und der Aushandlung.
00:06:45: Jugendliche fragen sich, was passt zu mir?
00:06:48: Was lehne ich ab?
00:06:49: Wo bleibe ich und warum?
00:06:53: Diskrepanz erleben wird so zu einem Motor religiöser Entwicklung – nicht jede Spannung wird aufgelöst aber jede Spanne verlangt nach Aushandelungen.
00:07:15: Pluralisierung zeigt sich in den Interviews nicht abstrakt, sondern sehr konkret.
00:07:21: Jugendliche greifen auf unterschiedliche Deutungssysteme zurück – auf christliche Traditionen, auf Elemente aus Buddhismus gerade wenn es um die Frage danach geht was nach dem Tod kommt.
00:07:35: sie greifen aber auch auf Esoterik zurück zum Beispiel Julia Christallglaube überwindet und sie greifen auf Elemente der Spiritualität zurück, auf individuelle Vorstellungen von Sinn- und Transzendenz.
00:07:54: Diese Hybridisierungen sind jedoch bei den Jugendlichen die ich interviewt habe begrenzt.
00:08:00: Sie führen nicht zu mehrfacher religiöser Zugehörigkeit im Sinne eines Ich bin alles ein bisschen.
00:08:08: vielmehr handelt es sich meist um referenzielle Aneignungen.
00:08:12: Das heißt, einzelne Elemente aus anderen religiösen Traditionen oder Praktiken oder vielleicht auch tierischen Tradition werden aufgenommen ohne dass die eigene christliche Identifikation aufgegeben wird.
00:08:29: Wichtig ist diese Aneignungen stehen nicht im Widerspruch zum christlichen Selbstverständnis der Jugendlichen – im Gegenteil sie gelten als Ausdruck von Authentizität.
00:08:41: authentisch ist, was als selbst verantwortet erlebt wird – nicht das, was vollständig übernommen wird.
00:08:50: Autonomie bedeutet für Jugendliche Nicht-Beliebigkeit, sie bedeutet Selbstverantwortung.
00:08:57: Viele der Jugendlichen die ich interviewt habe distanzieren sich bewusst von einer Religiosität, die Sie als festgelegt oder fundamentalistisch erleben.
00:09:08: Weltoffenheit wird zu einem zentralen Wert.
00:09:13: Das christliche Sinn Deutungs- und Praxissystem wird von vielen nicht als umfassend tragfähig erlebt oder ist ihnen in dieser Weise schlicht nicht bekannt.
00:09:24: Diskrepanzen werden daher nicht dogmatisch gelöst, sondern pragmatisch ausgehandelt.
00:09:32: Was trägt?
00:09:33: Was hilft mir im Leben?
00:09:35: Was passt zu meinen
00:09:36: Erfahrungen?".
00:09:38: Religiöse Identität wird so zu einem Prozess ständiger Selbstvergewisserung.
00:09:47: Ein besonders sensibler Punkt ist die Frage nach Autorität.
00:09:52: Kirchliche Autoritet wird von Jugendlichen nicht mehr formal anerkannt, sie muss sich legitimieren durch Beziehungen, Authentizität und Glaubwürdigkeit.
00:10:07: Missbrauchskandale, Machtmissbrauch und mangelnde Reformfähigkeit untergraben institutionelle Autorität massiv.
00:10:17: Jugendliche bewerten dies nicht nur moralisch sondern existenziell.
00:10:23: Autoritet ohne Glaubwürdigkeit verliert Bedeutung.
00:10:29: Anerkannt wird dagegen erfahrungsbasierte Autorität.
00:10:35: Was Jugendliche selbst erleben, hat größeres Gewicht als formale Lehre.
00:10:40: Religiöse Praxis muss anschlussfähig sein an die Lebenswelt der Jugendlichen – sonst bleibt sie leer!
00:10:49: Zugehörigkeit entsteht für Jugendliche nicht durch vollständige Übereinstimmung mit kirchlichen Lernen.
00:10:56: Sie entsteht durch Gemeinschaftserfahrung, durch Mitgestaltung, durch Beteiligung, durch das Gefühl Gebrauch zu werden….
00:11:06: Gemeinschaft lässt sich nicht verordnen.
00:11:09: Sie ist situativ, fragil und abhängig von den Menschen vor Ort.
00:11:15: Viele Jugendliche halten an Kirche fest solange sie dort Gemeinsschaft, Engagement und Sinn erleben Nicht weil alles passt sondern weil etwas trägt.
00:11:52: Zum Schluss ist mir eine Ordnung dieser Befunde wichtig.
00:11:56: Die Jugendlichen, von denen ich hier gesprochen habe sind Jugendliche die institutionell religiös verortet sind.
00:12:03: Meistzeit ihrer Kindheit!
00:12:06: Familie, Gemeinde oder kirchliche Praxis haben bei ihnen früh einen Rahmen gebildet in dem Religion überhaupt als Thema präsent war.
00:12:15: Für Jugendliche, die ohne eine solche religiöse Verordnung aufgewachsen sind gelten andere Voraussetzungen.
00:12:23: Religion ist für sie zunächst kein vertrauter Deutungsraum, sondern etwas Fremdes oft erklärungsbedürftig oder irrelevant.
00:12:33: Ein Interesse an Religion entsteht hier meist erst dann wenn stärkere Anreize gesetzt werden – existenzielle, emotionale oder auch dogmatische bis ideologische Anreizen.
00:12:48: Gerade darin liegt eine Spannung.
00:12:51: Wenn religiöse Bildung nicht mehr auf eine gewisse Vorbildung zurückgreifen kann, wächst die Gefahr dass Religion entweder gar nicht mehr anschlussfähig wird oder nur noch in stark zugespitzten vereinfachen oder verabsolutierten Formen.
00:13:09: Zugleich beobachten wir das liberale pluralitätsfreundliche Stimmen innerhalb der Kirche an Einfluss verlieren – deutlich weist darauf auch Regina Pollak hin!
00:13:21: Wenn genau jene Kräfte schwächer werden, die Offenheit, Ambiguität und Aushandlung ermöglichen dann sinkt die Zugänglichkeit von Religion weiter besonders für jene, die keine frühen religiösen Erfahrungsraum hatten.
00:13:37: Religiöse Bildung steht damit vor einer doppelten Herausforderung sie muss anschlussfähig bleiben für religiös sozialisierte Jugendliche uns zugleich Wege finden Religion überhaupt erst verstehbar zu machen, für jene den diese Vorbildung fehlt.
00:13:55: Beides erfordert Offenheit Deutschungsräume und eine Kirche die Vielfalt nicht nur aushält sondern aktiv ermöglicht.
00:14:07: In der nächsten Folge geht es deshalb um die Frage Was kann man aus dieser Forschung lernen?
00:14:13: Für Schule, Kirche und Bildung?
00:14:16: Bis dahin bleibt suchend!
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